Verein Integrative Wohnformen feiert 10-jähriges Bestehen
Gemeinsam Sorge tragen für Verbleib und Teilhabe im Quartier

Vor zehn Jahren haben 13 Stuttgarter Wohnungsunternehmen den Verein „Integrative Wohnformen e.V.“ gegründet. Dahinter stand der Wunsch, auf den demografischen Wandel in den Wohnquartieren zu reagieren und den Mietern und Mitgliedern mehr zu bieten als Wohnraum – nämlich eine lebenslange Heimat im Quartier. Seither ist der Verein auch ins Stuttgarter Umland bis nach Esslingen und Kirchheim unter Teck hinausgewachsen. Insgesamt 14 sogenannte „WohnCafés“ oder Quartiertreffs sind in den vergangenen Jahren eröffnet worden. Weitere sollen folgen. In die Quartiere ist durch den Verein Leben gekommen. Es hat sich ein beeindruckendes Netz an Ehrenamtlichen gefunden, die die Programme der jeweiligen WohnCafés mitgestalten und sich um die Treffs kümmern – vom Mittagstisch bis zum Vortrags- und Veranstaltungsprogramm. Diesen Erfolg feierte der Verein mit den Verantwortlichen und Ehrenamtlichen in Form eines kleinen Jubiläumsfestes.

„Es ist bemerkenswert, was der Verein ausgelöst hat“, sagte Christian Brokate, Vorstand im Verein Integrative Wohnformen und Vorstand der Baugenossenschaft Esslingen eG, in seiner Begrüßung. Insgesamt 14 WohnCafés sind als Treff- und Anlaufpunkte mit großer Teilnahme und aktivem Engagement in den Quartieren entstanden. Sie sind Teil des Konzeptes, den Mieterinnen und Mietern ein lebenslanges Wohnen in einem lebendigen Quartier zu ermöglichen. „Grundlage war, dass wir Wohnungsunternehmen für unsere Mieter soziale Verantwortung spüren und immer stärker erkennen, dass wir dabei über die eigenen Wohnungsbestände hinausdenken und das ganze Wohnquartier sehen müssen“, so Brokate. Denn Menschen wohnten zwar bei ihren jeweiligen Vermietern, aber immer auch in Nachbarschaft zueinander, im gemeinsamen Quartier. Hier wollen sie sich wohl fühlen, hier wollen sie alt werden. In einer Gesellschaft, deren Bürger immer älter werden und die im Alter oft allein leben, stellt dieser Wunsch eine zunehmend große Herausforderung dar. „Die WohnCafés und die professionell angebotenen Leistungsangebote sollen dabei helfen, mit einem passenden Versorgungskonzept Verbleib und Teilhabe zu ermöglichen“, so Brokate.

„So verschieden die 14 Wohnprojekte im Einzelnen sind, jedes wird von den gleichen drei Säulen getragen“, sagte Brokate. „Das Wohnungsunternehmen stellt, mit nicht unerheblichem finanziellen Aufwand, die Räume zur Verfügung, die mit einer Küche und nach den Bedürfnissen ihrer Besucher ausgestaltet sind“, sagte er. Zweitens übernehme ein sozialer Dienst als Kooperationspartner des Wohnungsunternehmens die professionelle Betreuung des WohnCafés und biete zugleich auch sein eigenes originäres soziales Angebot an, was für eine gewisse Versorgungssicherheit sorge. Und drittens setzten sich Ehrenamtliche mit ihren individuellen Kompetenzen und viel Zeit für ihre Nachbarn und die Gemeinschaft ein. So würden aus Nachbarn Bekannte und aus Bekannten immer wieder Freunde. „Diese täglich gelebten Nachbarschaften stärken ein ganzes Quartier und leisten einen Beitrag, es ein wenig lebenswerter zu machen. Und so soll es sein“, sagte Brokate.

Das Konzept funktioniert
Der Verein mit seinen zwei hauptamtlichen Mitarbeiterinnen initiiert, berät und begleitet die Projekte der Wohnungsunternehmen. Er erstellt kleinräumige Quartiers- und Versorgungsprojekte, insbesondere für Ältere und Menschen mit Hilfebedarf und setzt diese um. „Wir vernetzen und sind das Bindeglied zwischen Wohnungsunternehmen, ambulanten Dienstleistern, Menschen mit und ohne Assistenzbedarf, engagierten Ehrenamtlichen sowie Politik und Kommune“, so die Geschäftsstellenleiterin des Vereins, Dagmar Lust. Selbst Handlungsempfehlungen hat der Verein zusammen mit dem Paritätischen Spitzenverband bereits entworfen und herausgegeben. Sie helfen nicht nur den aktuell 14 Mitgliedsunternehmen im Verein, die einen Wohnungsbestand von rund 30.000 Wohnungen bewirtschaften. Werner Wölfle, Stuttgarter Bürgermeister für Soziales und gesellschaftliche Integration, betonte in seinem Grußwort die gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die die Wohnungsunternehmen im Verein übernehmen. „Sie schaffen Orte der Beheimatung und geben mit dem Verein eine kluge und gute Antwort auf die zunehmende Vereinsamung der Menschen“, lobte er. Rund 60.000 Neuanmeldungen habe Stuttgart im vergangenen Jahr verzeichnet. Die Menschen brauchten Einbindung in einer auseinanderfallenden Gesellschaft. „Die WohnCafés sind ein wichtiger verbindender Ansatz in den Quartieren. Für das Engagement ein herzliches Dankeschön“, sagte er und wies auf das neue soziale Förderprogramm hin, dass die Stadt Stuttgart jüngst aufgelegt hat.

Über das Stuttgarter Modell
In der anschließenden Gesprächsrunde standen die Themen Quartiersentwicklung, Wohnqualität und ehrenamtliches Engagement im Mittelpunkt. Dr. Iris Beuerle, Mitglied der Geschäftsführung des vbw, betonte, dass die Wohnungsunternehmen mit dem Verein ein zusätzliches Engagement zeigen, das nicht Pflicht, sondern Kür ist. „Sie nehmen freiwillig Geld in die Hand, um den Menschen in ihren Wohnungen tatsächlich ein lebenslanges Wohnen im Quartier zu ermöglichen. Das ist eine große Leistung, die die Bedeutung der genossenschaftlichen und kommunalen Wohnungsunternehmen deutlich macht“, so Beuerle. Umso wichtiger sei es, damit sprach sie direkt Bürgermeister Wölfle an, dass die Kommunen diesen Unternehmen in Konzeptvergaben günstige Baugrundstücke zur Verfügung stellten, damit die Wohnungsunternehmen qualitätsvolle Bauten erstellen und Zusatzdienste bieten könnten. Axel Schaefenacker, Vorstand der Vereinigten Filderbaugenossenschaft eG, berichtete, dass die Intention für die Vereinsgründung eine Bündelung der Leistungen gewesen sei. Das Konzept trage bis heute. Insbesondere auch, weil sich die Bewohner einbringen, das nachbarschaftliche Miteinander im Quartier pflegen und es attraktive Angebote in den WohnCafés gebe, die Jung und Alt verbinden. Die Baugenossenschaft Neues Heim eG habe zwar noch kein „eigenes“ WohnCafé, sagte Prokurist Martin Gebler, sei aber in Giebel beteiligt. Er sehe die Versorgungssicherheit, die niederschwelligen Unterstützungsmöglichkeiten und die verschiedenen Wohnformen als wichtige Bedingungen für ein lebenslanges Wohnen im Quartier. „Wir investieren nicht nur in Steine, sondern über die Entwicklung der Quartiere letztlich in die Menschen“, sagte Gebler.

Schön, wenn der Gast zum Ehrenamtlichen wird
Für die Quartiersentwicklung gebe es keine fertige Schablone, betonte Achim Uhl, Leiter des Bereichs Ältere Menschen und Pflege beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Landesverband Baden-Württemberg. „Die Menschen in den jeweiligen Quartieren haben unterschiedliche Bedarfe“, sagte er. Aber das Quartier sei der Ort, an dem man sich kennt, aufgehoben, anerkannt und wohl fühlt und seine Beziehungen hat. Gerade auch aus diesem Grund ist der Verbleib im eigenen Quartier für die älteren Menschen so wichtig. „Der Austausch mit den Menschen über ihre Probleme und Schwierigkeiten ist für uns genauso ein Tätigkeitsfeld wie die Krisenintervention oder auch die Aushilfe beim Mittagstisch“, sagte Quartiersmanagerin Isabell Martin. Vielfältige Aufgaben und immer wieder neue Herausforderungen bestimmen die Arbeit. „Es ist schön, wenn bisherige Gäste zu Ehrenamtlichen werden, die mit viel Zeit, Lust und Motivation an die ehrenamtliche Tätigkeit herangehen“, freute sie sich.

Sekt und Buffet sowie klassische Musik umrahmten das Fest und boten für Gäste und Veranstalter den Raum für das zwanglose Gespräch und den Austausch.